schrieb am 01.03.2010 um 21:12:07 Uhr:
Liebe Caissaner, hier mal wieder ein Lebenszeichen von mir....
Nach fast einem Jahr in Madrid bin ich natürlich längst Mitglied in
einem Schachverein, dem \\\\\\\"Club de Ajedrez Cafe Comercial\\\\\\\", kurz ACC.
Das Spiellokal ist ein traditionelles Madrider Cafe, das am Rande des
Ausgehviertels Malasaña liegt (http://es.wikipedia.org/wiki/Cafe_Comercial). Dort wird jeden Abend
geblitzt, meist ein Sieger-bleibt-sitzen. Bereits um 23 Uhr ist aber
Schluss, für Madrider Verhältnisse ist das schon extrem früh. Doch
Clubs mit einem regelmäßigen Spielbetrieb außerhalb der Liga sind rar.
Im Vergleich zur deutschen Schachszene gibt es etliche Unterschiede im
Ligabetrieb, von denen sich die auffälligsten in Zahlen ausdrücken
lassen: Die Ligen bestehen in der Regel aus 14 Mannschaften mit 6
Spielern. Am Ende der Saison gibt es zwei direkte Aufsteiger und
zwei Relegationsplätze (und nach unten entsprechend). Da von Mitte
November bis Mitte März praktisch an jedem Sonntag gespielt wird, sind
die Ersatzleute stark gefragt. Ich selbst war an den bisher 11
Spieltagen 5 mal dabei und habe mit 4 Brettpunkten mein Scherflein
dazu beigetragen, dass wir in der \\\\\\\"Segunda Division A\\\\\\\" nur zwei
Mannschaftspunkte hinter dem Tabellenführer liegen. Die Teilnahme an
der Relegation sollte damit zu schaffen sein.
Nach dem fünften Spieltag musste ich verwundert feststellen, dass der
Tabellenletzte bereits 6 Mannschaftspunkte aufweisen kann, und das
obwohl als einziger Erfolg ein 3:3 verzeichnet war. Der Grund ist eine
eigenwillige Drei-Punkte-Regel: Einen Punkt gibt es bereits, wenn die
Mannschaft vollständig antritt. Dies zusammen mit der Tatsache, dass
in allen Ligen gleichzeitig gespielt wird, ist wohl effizienter als
jede noch so ausgeklügelte Strohmannregelung. Dass ein Brett leer
bleibt, habe ich bis dato noch nicht erlebt.
In Sachen Bedenkzeit sind die spanischen Amateurligen bereits modern.
Man spielt die Partie im Fischer-Modus mit anfänglich 1,5 Stunden und
einem Inkrement von 30 Sekunden pro Zug.
Auch im Verhalten am Brett lassen sich Unterschiede feststellen. So
beschwört man zu Beginn nicht nur die übliche faire und spannende
Partie, sondern wünscht seinem Gegner \\\\\\\"suerte\\\\\\\", also Glück. Zwei
weitere Besonderheiten kennt man in Alemania wohl nur aus dem
Kaffeehaus: Selbst unter ambitionierten Mannschaftsspielern ist es
durchaus üblich, ein Schachgebot mit dem Ausruf \\\\\\\"jaque\\\\\\\" zu
bekräftigen; die Niederlage wird oft durch Umlegen des Königs
eingestanden.
Für die von mir sehr vermissten Keres- und Caissa-Blitzturniere bietet
der Nachbarverein aus Chamberi Ersatz. Er organisiert jeden Samstag
die \\\\\\\"Rapidas de Chamberi\\\\\\\", ein Schnellschachturnier (7 Runden, 15
Minuten, meist etwa 50 Teilnehmer). Bei bisher drei Teilnahmen konnte
ich zweimal den Preis für den besten unter 2000 ELO abräumen --
glücklicherweise wird dort meine DWZ nicht anerkannt.